Stand 15.02.2017

Harald - eine mittelalterliche Geschichte

Die ersten Kapitel sind ab ca. 12 Jahre geeignet

 

Harald im Kerker

Als Harald erwachte, sprang er auf und rannte fröhlich jauchzend immer im
Kreis an den Wänden des weiten Turmes entlang. „Fangt mich doch!“ rief er und
jagte, als wenn eine ganze Meute seiner Freunde hinter ihm her wäre.
Zu hören war aber in der Einsamkeit seines Kerkers nur der Widerhall seiner
eigenen Stimme. Jede Unebenheit im gestampften Boden, aus dem immer wieder
Gesteinsbrocken herausragten, kannte er und keine hemmte seinen Lauf. Hoch
oben über ihm zeigte ein Widerschein an den Wänden des Turmes, dass ein
neuer Tag angebrochen war. Nun musste bald die Alte kommen und ihm etwas
zu essen bringen. Ob es ihm gelang, sie zu erschrecken?
Er wählte die größten Lumpen aus, auf denen er geschlafen hatte und legte sie
über seine Arme, sodass sie wie Fledermausflügel aussahen. Dann hockte er sich
neben die vergitterte Kerkertür und wartete, bis er die schlurfenden Schritte der
Alten hörte und mit dem klirrenden Schlüsselbund das verrostete Schloss
quietschend geöffnet wurde.
„Wo bist du Findelkind?“ rief die Alte, als sie in der Dämmerung des Turmes das
Kind nicht gleich sah.
Harald sprang auf und schwirrte wie eine Fledermaus um sie herum, wobei er
erschreckende Töne von sich gab.
Die Alte erschrak und begann zu schimpfen: „Du weißt doch, dass du mich nicht
erschrecken darfst! Mein altes Herz könnte dadurch zerspringen! Komm her und
benimm dich, wie es sich gehört.“
Harald rannte aber als Fledermaus im weiten Rund des Turmes und rief: „Fang
mich doch!“
Wie sollte die Alte ihn aber mit seinen flinken Beinen fangen? „Wenn du nicht
gleich herkommst, gehe ich mit deinem Essen wieder fort und du kannst bis
morgen warten!“
Wohl oder übel schickte sich Harald an zu gehorchen. Einen Tag ohne Essen
hatte er schon manches Mal erlebt und das war eine sehr empfindliche Strafe. So
kam er zur Alten heran, warf seine Lumpen ab und griff nach der hölzernen
Schüssel und dem Löffel. „Sei wieder gut zu mir“, sagte er zu der Alten. „Ich
finde es lustig, dass du mich nicht fangen kannst. Warum kannst du so schlecht
laufen?“
„Als ich so klein war wie du, war ich flink wie ein Wiesel und hätte dich leicht
einholen können“, sagte die Alte.
„Warst du auch einmal so klein wie ich?“
„Gewiss, alle Menschen sind einmal klein gewesen.“
„Und warum bleiben sie nicht klein und flink?“
„Das hat Gott so eingerichtet.“
„Wer ist Gott und warum hat er das so eingerichtet?“
„Du kannst einem Löcher in den Bauch fragen. Weiß ich denn, wer Gott ist und
warum er es so eingerichtet hat.“
„Ich dachte, du weißt alles! Wen außer dir kann ich denn sonst fragen? Gibt es
noch mehr Menschen als uns und den Erretter? Manchmal höre ich in der Ferne
Stimmen, weiß aber nicht, von wem sie stammen.“
Mit dem Erretter aber meinte er den Fürsten, der von Zeit zu Zeit kam und ihm
irgendetwas befahl. Ihn musste er immer kniend begrüßen und demütig seine
raue dunkle Hand küssen. Weigerte er sich, so presste ihn der Erretter zu Boden
und schlug ihn mit einem Lederriemen. So war es besser, rechtzeitig nieder zu
knien, wenn er kam. Glücklicherweise geschah das nicht allzu oft, häufig über
lange Zeit gar nicht.
Während der Unterhaltung mit der Alten war Harald immer näher zu ihr
gegangen, bis sie ihren Arm um ihn legte und aller Groll von ihr verschwunden
war.
„Erzähle mir doch, was du weißt, am liebsten eine von den schönen Geschichten.
Dann will ich dich morgen auch nicht erschrecken.“
Die Alte, die selbst nie Kinder hatte, setzte sich mit ihm nieder und begann die
Geschichte zu erzählen, wie Gott die Welt erschaffen hatte, wie er den Vögeln
ihre schönen Stimmen gab, wie er die silbernen Fische in die Bäche, Flüsse und
das Meer setzte und vieles andere mehr, was sie wusste oder sich ausdachte.
Harald drückte sich immer enger an sie, wenn sie so erzählte und auch ihr wurde
ganz warm dabei....

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Eine mittelalterliche Geschichte - ab 12 Jahre

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